So geht Männerchor heute!
Stunde der Kirchenmusik mit Knabenchor collegium iuvenum Stuttgart wird zum Treffen der Generationen

Heilbronn. Seit 1989 besteht der ökumenische Knabenchor collegium iuvenum Stuttgart. Altersbedingt kommen und gehen Jungs und junge Männer, die Qualität bleibt ungebrochen. Zu einer Art Treffen der Generationen wird in der Kilianskirche die Stunde der Kirchenmusik vor dem dritten Sonntag nach Epiphanias, denn Pfarrer im Ruhestand Richard Mössinger mischt sich zur Liturgie unter den Knabenchor. Ausgezeichnet Dirigent Sebastian Herrmann hält den trotz Abstand und Masken ausgezeichnet agierenden Chor mit begleitender Hauptorgel gut zusammen. Dort steigt Organist Antal Váradi sehr romantisch ein, eröffnet „Te lucis ante terminum“ (Howard B. Gardiner) mit sanft anrollenden Bewegungen und sehr differenzierter Behandlung des Schwellwerks. Der 1877 in London geborene Gardiner ist Vollblutromantiker, seine Bitte um den Schutz des Schöpfers vor dem Verschwinden des Lichts setzt der Chor klanglich wie den delikaten Farbverlauf eines Abendrots um. 300 Jahre früher kommt die Vertonung des „Te lucis ante terminum“ von Thomas Tallis in akkordischer Strenge daher, nachgelagerter Einsatz der hohen Stimmen sorgt für minimale Bewegung. Howard Goodall (1958) vertonte zahlreiche Filmproduktionen mit Rowan Atkinson, schreibt aber auch geistliche Musik. Nur die jüngsten Stimmen des Knabenchors widmen sich Goodalls preisgekröntem 23. Psalm „The Lord is my shepherd“ mit rhythmischer Homogenität. Nach dem euphorisch jubelnd aufsteigenden „Arise, shine“ des gebürtigen Iren und strengen Londoner Kompositionslehrers Charles Villiers Stanford nimmt der Chor eine Auszeit, während Antal Váradi die Nr. 3 Toccata aus den „12 Pièces pour orgue“ (1886) von Theodore Dubois mit jugendlicher Frische, aber auch gesetzten rhythmischen Schwerpunkten in Angriff nimmt. Viel Klang Dann gehört das Podium den jungen Männern. Verzückt hört man „Schöne Nacht“ des romantischen Wahl-Esslingers Wilhelm Nagel. So geht Männerchor heute: Viel Klang statt Bauchgefühl, tragfähig selbst an leisen Extremstellen. Dirigent Sebastian Herrmann führt die jungen Sänger mit Fingerzeigen durch ein weites Spektrum aufrichtig emphatischer Stimmkunst. In amerikanischer Kriegsgefangenschaft lernte der 2001 gestorbene Oberpfälzer Franz Biebl Spiritual und Gospel kennen, empfand aber existierende Chorarrangements als zu schwierig. Einen Hauch davon durchzieht die Harmonik des demütig schönen „Ave Maria“, dem sich die jungen Chormänner mit Inbrunst widmen. Ein drittes großes Oratorium „Christus“ konnte Felix Mendelssohn nicht vollenden. Aus dem ersten Teil von Mendelssohns Fragment gib es immerhin den Chor „Es wird ein Stern aus Jakob aufgeh’n“ mit dramatisch verdichtetem Mittelteil „Der wird zerschmettern Fürsten wie Städte“, vom ganzen Knabenchor mit oratorischer Verve gesungen. Als weihnachtliche Reminiszenz fügt sich überraschend der Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ an. Sehr schön!

Heilbronner Stimme, 24. Januar 2022, Lothar Heinle

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Klänge aus der Dämmerstunde
Der Kammerchor Oberaspach überzeugt in Hall mit romantischer Chorliteratur

Schwäbisch Hall. Als Kinder durften wir das elektrische Licht immer erst anknipsen, wenn es draußen ganz dunkel geworden war. Unsere Mutter wollte das „Dämmerstündchen“ genießen. Diese kontemplativen Minuten sind das Leitmotiv für die Programmgestaltung des Abendkonzertes, das der Kammerchor Oberaspach in der Kirche St. Joseph in Hall gab. Früher hat diese Übergangszeit offensichtlich auf die Dichtung eine weitaus größere Faszination ausgeübt, da damals die hereinbrechende Nacht als Beendigung des Tages noch nachempfindbarer war als in der Zeit der elektrischen Willkür. Besonders ist natürlich die Epoche der Romantik in den vertonten Gedichten vertreten. Zehn von den fünfzehn Liedbeiträgen des Abends entstammen dem 19. Jahrhundert. Abendlied klingt in Stille aus Darunter vier von Johannes Brahms. Recht bekannt sind die „Waldesnacht“ und „In stiller Nacht“ sowie das langsame Walzerlied „Guten Abend, gut‘ Nacht“. Allerdings weniger in dieser vielgestaltigen Chorversion, die mit gesummter Vokalise beginnt und in der Strophe zwei von den Tenören getragen wird, begleitet von einer Sopranüberstimme. Leises Summen löst das Abendlied in die Stille auf. Hingebungsvoll gesungen ist auch das polyphone „Geistliche Lied“, ebenfalls von Brahms, sanft an der Orgel durch den Ungarn Antal Varadi begleitet. Besonders beeindruckend das sich auffächernde und dann verschwindende „Amen“. „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“ und „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“, auch „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (nicht in der bekannten liturgischen Melodie), alle von Felix Mendelssohn, werden sehr beseelt intoniert. Das orgelbegleitete „Pater noster“ von Frank Martin aus dem Jahr 1944 ist vielfach unisono und offenbar durch den gregorianischen Gesang inspiriert. Rheinbergers „Abendfriede“ und William Henry Monks „Abide with me“ – in deutscher Sprache als „Bleib, bei mir Herr“ geläufig– und auch „Cantique de Jean Racine“ von Gabriel Fauré erwecken sanfte romantische Gefühle. John Rutters „The Lord bless you“ entstand im 20. Jahrhundert und gibt bei aller Weichheit eine Nuance von Modernität. Einziges Orgelsolo ist das trocken und klangkarg interpretierte „Meine Seele erhebt den Herrn“ von Bach. Melchior Vulpius’ „Hinunter ist der Sonnen Schein“ vertritt die Renaissance und ist als einziger Beitrag recht heiter, fast ein Tanzlied. Ein veritabler Elitechor: Martin Schirrmeister, der Gründer des Chores, hat die Leitung des Ensembles an den noch sehr jungen Sebastian Herrmann abgegeben, der mit eminenter Akribie und Detailverliebtheit eine nuancenreiche, melodiebewusste und sprachgenaue Interpretation herausholte. An wenigen Stellen wirkt die Gestaltung allerdings etwas ingeniös und könnte ein bisschen naiver daherkommen. Die Sonorität der Männerstimmen, die selbst mit einem „Hauch“ den Raum erfüllen können, und die strahlende, durchaus jugendhafte Klangbrillanz des Soprans – der allerdings mitunter zu auffällig ist – machen den Chor zu einem veritablen Elitechor, der besonders die introvertierte Besinnlichkeit der Texte und der Musik in feinst abgestufter Klanglichkeit umsetzen kann. Lang anhaltender Applaus wird mit dem „Glory to thee, my God, this night“ des englischen Renaissancekomponisten Thomas Tallis belohnt.“

Haller Tagblatt, 05.Juli 2017, Rainer Ellinger